Populismus & Social Media: Die Zukunft der Wahl? (TAGESSPIEGEL / DE)

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Bild: Gage Skidmore CC/ Flickr

Populisten machen Wahlkampf nach dem Prinzip der Online-Werbung: Jeder bekommt das, was er haben will. Die Rolle von Social Media ist hier so groß wie noch nie - das gilt auch für die Bundestagswahl 2017.

»Für eine bessere Politik müssen wir Forderungen an Facebook und Twitter stellen«

Ich lebe in keiner Filterbubble

Was geschieht, wenn man einen Facebook-Nazi bei der Polizei anzeigt

Smart New World

Notorische Lügner sind nicht zu fassen. Eine unangenehme Eigenschaft von ihnen ist, diejenigen der Lüge zu bezichtigen, die ihnen mit der Wahrheit kommen. »Dieser Kerl ist ein Lügner«, sagte Donald Trump über seinen parteiinternen Kontrahenten Ted Cruz, nachdem der ihn als Lügner bezeichnet hatte. Und mit Hillary Clinton geriet er bei einer Fernsehdebatte über die Frage aneinander, ob sie ihn mit früheren Äußerungen konfrontieren könne.

»Sie ist der Lüge schon auf sie vielen Wegen überführt worden«, lamentierte Trump, »dies ist nur eine weitere Lüge«.

»Nun ja, ich zitiere bloß…«

»Ein solches Zitat gibt es nicht. Sie werden keine entsprechende Äußerung von mir finden.«

Doch. Natürlich. Es ist gar nicht schwer. Schon zuvor hatten die klassischen Medien begonnen, Trumps Worte einem intensiven Faktencheck zu unterziehen. Jedes Mal, wenn er sich in einer Fernsehdebatte äußerte, wurden seine Behauptungen auf ihre Richtigkeit überprüft. Faktenchecker seien noch nie so viel beschäftigt gewesen in einem Wahlkampf, meinte das “Forbes”-Magazin und fügte zuversichtlich hinzu, sie seien »die wahren Gewinner der Wahl«.

Bei einem Schlagabtausch mit dem republikanischen Rivalen Marco Rubio kam es zu folgendem Dialog:

Rubio: »Er hat polnische Arbeiter beschäftigt. Und er hat eine Million Dollar oder so Strafe bezahlt, um …«

Trump: »… das ist falsch. Das ist falsch. Total falsch.«

Rubio: »Das ist eine Tatsache. Die Leute können es überprüfen. Ich bin sicher, sie googeln es bereits. Schauen Sie es nach. ,Trump polnische Arbeiter’, sie werden den Beleg für eine Million Dollar für illegal beschäftigte Arbeiter auf einer seiner Baustellen finden. Er hat es getan.«

Rubio glaubte in diesem Moment, indem er Google als Instanz der Wahrheit auf den Plan rief, besonders schlau zu sein. Nach der Debatte verzeichnete Google Trends tatsächlich eine deutliche Zunahme der Suchworte »Polnische Arbeiter«. Die Menschen wollten es wirklich wissen. Aber statt auf die eine Wahrheit zu stoßen, wie es Rubio ihnen versprach, zeigte die Suchmaschinen jedem Nutzer eine andere Trefferliste an. Je nach dem digitalen Profil, das sie bis dahin im Netz hinterlassen hatten und das bei der Suche in den Algorithmus einfloss. Hier fängt das Problem an. Wenn aus einer Wahrheit viele werden.

Seit immer mehr Details über Trumps Clevere Kampagne bekannt werden und es heißt, dass ihm möglicherweise sogar regierungsnahe russische Hacker und Bot-Netzwerke zum Sieg verhalfen, beginnt man den Einfluss von Daten auf komplexe politische Prozesse zu erahnen. Es sollen potenzielle Trump-Wähler aufgrund psychologischer Daten gezielt angesprochen und Clinton-Anhänger sogar von der Wahl abgehalten worden sein. Treibende Kraft hinter solchen Methoden soll die ominöse Firma Cambridge Analytica sein, wie das Schweizer »Magazin« in einer viel diskutierten Recherche schreibt. Vorstandsmitglied von Cambridge Analytica ist Steve Bannon, der gerade zu Trumps Chefstrategen ernannt wurde. Darüber ist eine neue Diskussion um die Verführungskraft von Filterblasen im Netzzeitalter entbrannt.

Hat Trump dank einer psychologischen »Zielerfassung« gewonnen, die sich raffiniert der sozialen Netzwerke mit ihren Likes- und Friends-Schleusen bedient hat? Welche Chance auf ein unabhängiges Wissen hätte man da noch? Können wir uns überhaupt noch wehren gegen eine auf uns zugeschnittene Angebotspalette, die einem nur immer mehr von den Informationen zuspielt, die unseren Gewohnheiten und Interessen entsprechen? Wir leben im Spotlight unseres Begehrens und finden’s super. Warum es ändern wollen?

Futurismus? Kanye West lobte Trumps unpolitische Art über Politik zu reden.
Es war der Popstar Kanye West, ein Experte der Selbstvermarktung, der seine Faszination für Trumps »futuristische« Methode nach dessen Sieg über Hillary Clinton nicht verhehlen konnte. »Ich mag diese unpolitische Art, über Politik zu reden«, sagte er kürzlich bei einem Konzert in San Diego und fügte – mit Blick auf seine eigene Berühmtheit – hinzu, dass Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, stärker als jede andere Fähigkeit sei. Trumps Kommunikation habe bewiesen, dass sie eine politisch korrekte Kampagne schlagen könne.

Der Wahlsieg Trumps und die Erfolge der Rechtspopulisten in Europa haben vielfältige Ursachen. Als die folgenreichste könnte sich die Verwandlung von Wählergruppen in politische Konsumgemeinschaften erweisen, die ihre Begehrlichkeiten über Argumente stellen. Der Populismus ist Folge einer 15-jährigen Sozialisation der Bevölkerung durch Online-Shopping.

Der Kunde ist Sonnenkönig

Die Warenwelt im Internet unterscheidet sich vor allem in einer Hinsicht von traditionellen Warenhäusern: Online-Shops geben sich weniger Mühe, dem Kunden Dinge aufzudrängen, nach denen er gar nicht fragt. Stattdessen sind sie neugierig auf ihr Gegenüber: Wer bist du?, wollen sie wissen. Bist du männlich, weiblich? Warum kommst du in meinen Laden? Was finden Menschen gut, die dir ähnlich sind? Was begehrst du am allermeisten, wenn du am Monatsanfang, im Winter und morgens um zehn Uhr nach Schuhen suchst, während du arbeiten solltest? War das Warenhaus ein sozialer Ort, der Bedürfnisse erzeugte, ist der Online- Shop ein personalisiertes Abbild der eigenen Wünsche. Und die Erfüllung dieser Wünsche ist im Netz nur eine Suchanfrage, einen Klick und eine Kreditkartennummer entfernt. Geliefert wird frei Haus, Umtausch garantiert. Der Kunde ist Sonnenkönig.

In den USA hat Amazon seit dem vergangenen Jahr einen höheren Marktwert als der Einzelhandelskonzern Walmart. Laut dem Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (BEVH) hat sich der Online-Umsatz hierzulande seit 2007 fast versechsfacht, die Prognose für 2016 wurde gerade nach oben korrigiert, auf 53,9 Milliarden Euro. Inzwischen werde in Deutschland jeder achte Euro im E-Commerce ausgegeben, sagt der BEVH.

Größte Mühen verwendeten Amazon und Co. in den vergangenen Jahren nicht darauf, ihre Webseite schöner zu machen oder ihre Marke liebenswerter. Stattdessen wurden Logistikverfahren entwickelt, die Lieferungen erst in einem Tag und nun in wenigen Stunden ermöglichten, weil ihnen datengetriebene Vorhersagemodelle zugrunde lagen. Amazon berechnet im Voraus, welche Waren wo, wann und von wem am wahrscheinlichsten gekauft werden. Anhand dieser Daten werden die Schiffscontainer und Lagerhäuser bestückt.

Mittlerweile haben die politischen Strategen verstanden: Was mit Waren geht, geht auch mit Wahlen. Dieselben Instrumente, die zur Optimierung von Online-Werbung entwickelt wurden und personalisierte Datenmengen nach möglichen Bedürfnissen durchleuchten, sind in die Hände politischer Meinungsführer geraten. Daraus ergibt sich die Frage, ob Gesellschaften dadurch heute weniger über sich Bescheid wissen. Werden nur die Netzwerke klüger, der Einzelne jedoch nicht?

Quantitative Wende

Noch nie waren Soziale Medien, allen voran Facebook, so wichtig für die politische Entscheidung wie im Duell Hillary Clinton gegen Donald Trump. Obwohl Trump selbst vor allem über Twitter kommunizierte und einen nicht abreißenden Strom von 34 000 Tweets ausstieß, richtet sich dieser Nachrichtenkanal mit einem Marktanteil von 5,2 Prozent in den USA hauptsächlich an die Eliten. Aber: »The media loves tweets«, sagt Marketingspezialist Jayson DeMers, der US-Firmen beim Aufbau von Onlinestrategien berät. Nachrichtenmedien würden sich um Tweets reißen, »weil sie kurz sind, es leicht ist, über sie zu reden und sie auf einem TV-Bildschirm zu präsentieren«.

Tweets von Trump wie »Ich will eine Entschuldigung! Viele Leute haben getwittert, dass ich recht habe!« (vom 23. November 2015) sind das Rohmaterial der Trump-Kampagne gewesen. Zum Schallverstärker avancierte vor allem Facebook mit einem Marktanteil von 42 Prozent. Inzwischen nutzen es 44 Prozent der amerikanischen Facebook-User als Nachrichtenmedium, was es gar nicht sein will. In der Endphase des US-Wahlkampfs meldeten Social-Media-Analysten, dass Trump in diesem Bereich weit vor seiner Kontrahentin liege und es eine hohe Anzahl von traditionellen Nichtwählern gäbe, die massiv auf Trumps Posts reagierten. Trump konnte über Facebook zehn Millionen Amerikaner direkt erreichen, Clinton kam auf die Hälfte. Das vertrug sich gar nicht mit Wahlanalysen, die Hillary Clinton zu 77 bis 90 Prozent vorne sahen.

Emotionale Verschmelzung

Dass die starke Präsenz Trumps in den Sozialen Medien auf die Wahlkabine übergriff, kam dennoch überraschend. Wie das Überschreiten der Blut-Hirn- Schranke: Zwei Kreisläufe, die separat voneinander zu funktionieren schienen, erwiesen sich als durchlässig. Die Leute wählen offenkundig nicht mehr, was sie politisch für richtig halten, sondern was sie interessiert. Sie sind wie in einem Online-Shop auf der Suche nach Botschaften, die aussprechen, was sie selbst denken. Nicht das, was einem selbst nützt oder finanzielle Vorteile verschafft oder altruistische Bestätigung bietet. Stattdessen entscheidet sich ein großer Teil der Bevölkerung – wenn auch bislang nirgendwo die numerische Mehrheit – für Wortführer, die mit jeder verbalen Entgleisung aufs Neue vermitteln, dass Gefühle wichtiger sind als Argumente.

Dass die US-Demokraten diesen Paradigmenwechsel noch immer nicht kapiert zu haben schienen, versetzte Kanye West so sehr in Rage, dass er in einem als Wutrede daherkommenden Nervenzusammenbruch polterte: »Wir leben in einer neuen Welt, Hillary Clinton, in der es auf Gefühle ankommt. (…) Jeder im Mittleren Westen hat Ihnen gezeigt, wie er sich fühlt.«

Kurz nach diesen Worten brach der Rapper sein Konzert im kalifornischen Sacramento ab, stürmte von der Bühne und wurde mit psychischen Problemen in eine Klinik eingewiesen. Er war also nicht ganz bei sich, kann man sagen, als er in einer Art Narrenmoment aussprach, was viele dachten: »Eine Menge Leute fühlen sich hier heute, als hätten sie verloren. Warum? Weil ihr belogen wurdet. Google hat euch belogen, Facebook hat euch belogen, das Radio hat euch belogen.« Worin genau der Betrug bestand, sagte West nicht. Nur, dass Barack Obama Amerika nicht habe »great again« machen können, weil er als Schwarzer in einem rassistischen Land »perfekt« sein musste. »Perfektion ändert einen Dreck!« Soll jemand sagen, ein Popstar verstünde nichts von Populismus. Mit diesen Worten hat der Rapper den Code des Populismus glasklar benannt: Unperfekt und überempfindlich in seinem Auftreten berührt er das Bedürfnis nach emotionaler Verschmelzung.

Vermessung des Egos

Die Instrumente dafür will die Datenschmiede Cambridge Analytica entwickelt haben, indem sie die individualisierte Online-Werbung verfeinert und ihre psychologischen Big-Data-Verfahren erst den Brexit-Aktivisten um Nigel Farage, danach dem Republikaner und Trump-Konkurrenten Ted Cruz angetragen haben will.

Nach dessen Wechsel ins Trump-Lager standen sie dem zur Verfügung. Möglicherweise mit dem Erfolg, den es bei einem so knappen Rennen um die Präsidentschaft braucht. Trumps Kampagne hatte 693 Millionen Dollar zur Verfügung, Clinton gab mit 1,3 Milliarden Dollar doppelt so viel aus. Diesen Nachteil machte Trump wett, indem er vor allem in Facebook-Werbung investierte. Unter Experten ist der Anteil von Cambridge Analytica an seinem Wahlsieg allerdings höchst umstritten. Es fehlen Belege für die Wirksamkeit ihrer psychometrischen Methode.

In der Psychometrie wird das psychische Profil eines Menschen aus den Daten von Persönlichkeitstests gewonnen, um zu ermitteln, wie sich eine Person verhalten wird. Wie sich jemand verhält, ist nun auf Facebook für jeden zu sehen, ein ideales Experimentierfeld für psychometrische Tests, von denen die Probanden oft gar nichts mitbekommen, weil sie ihnen als amüsante Online-Games oder Quiz untergejubelt werden. Die Methodik habe sich so weit verfeinert, berichtete das »Magazin« vergangene Woche, dass sich aus der Analyse von Profilfotos, Bewegungsdaten, Offline-Zeiten und der Anzahl der Kontakte ein ziemlich komplettes Menschenbild zusammensetzen lässt.

Der Berliner Datenanalyst Jannis Ritterspach meint jedoch, dass fast alle Versuche, vom Verhalten der Personen im Netz auf individuelle Bedürfnisse zu schließen, auf eine Try-and-error-Praxis hinausliefen. Der Vorteil von Big Data bestehe nur darin, »mit weniger Mitteln mehr zu erreichen, weil Variationen einer Botschaft über soziale Medien einfacher übermittelt werden können«.

Nach Angaben des »Magazins« hat Cambridge Analytics im Auftrag von Trump alle personenbezogenen Daten aufgekauft, derer das Unternehmen habhaft werden konnte: Kreditkartendaten, Facebook-Daten, Krankendaten und Weiteres mehr. Daraus wurden 32 Persönlichkeitsprofile gewonnen, auf deren Basis dann maßgeschneiderte Werbemaßnahmen auf die US-Wähler abgefeuert wurden. Das Prinzip des auf seinen ,Visitor’ angepassten Online-Shops war im Wahlkampf gelandet.

Konservative, die von Autos schwärmen

Wie realistisch ist es, mit solchen Methoden Menschen zu überzeugen? Tobias Preis muss es wissen. Er lehrt Verhaltenswissenschaften an der Warwick University in England und leitet das Data Science Lab. In Studien hat Preis den Zusammenhang von Kursentwicklungen an der Börse und Google-Suchanfragen nachgewiesen. Ob man wissen will, wie sich ein Markt entwickelt oder das Leben von jemandem, unterscheidet sich nur in der Auflösung der Daten. »Natürlich ist es möglich, diese Methoden auf Kleingruppen und Einzelne anzuwenden.«

Wie Cambridge Analytica vorgegangen ist, kann Preis zwar nicht nachvollziehen, aber er meint, man ginge das so an: Aus der großen Zahl an Personen würden nur ein paar herausgefiltert und psychologisch ,vermessen’. Etwa durch jene Persönlichkeitstests, die Leuten wie ein spaßiges Spiel vorkommen, oder durch Textanalyse von Tweets. Die Ergebnisse werden mit anderen Daten der Personen abgeglichen, und auf dieser Basis lernt ein Computerprogramm, welche Kriterien erfüllt sein müssen, um einen bestimmten Persönlichkeitstyp zu erkennen. Beispielsweise an seinem Wortschatz zu erkennen oder daran, wie er sich auf Twitter ausdrückt. Dieses ideale Profil gleicht man mit lückenhafteren Profilen ab, um diese zu vervollständigen.

Das Prinzip kann danach rückwärts angewandt werden. Wenn man wisse, so Preis weiter, welche Worte eine bestimmte Persönlichkeitsgruppe auf Twitter häufig benutzt und wem sie folgt, könne man Tweets in einer Sprache abfassen, von der sich die Gruppen jeweils intuitiv angesprochen fühlen. So könne man großkotzig von amerikanischen Autos schwärmen und wissen, dass man konservative Männer erreiche, die extrem extrovertiert sind. Es fehlen nur noch die politischen Botschaften.

Small Data

Was davon ist auf deutsche Verhältnisse übertragbar? Bisher geben die Parteien nur beschränkt Auskunft über ihre Digitalstrategie. »Wir werden die Presse zu einem späteren Zeitpunkt informieren«, heißt es aus der CDU-Zentrale. Die Junge Union hat dagegen schon angefangen. Konrad Clemens, JU-Bundesgeschäftsführer, ist für den kommenden Wahlkampf gleichzeitig Kampagnenmanager der neuen Internetplattform »connect17«. Dort können sich bereits potenzielle Wahlkampfhelfer anmelden sowie ihre Fähigkeiten und Interessen nennen (»Ich helfe im Social-Media-Team«). Gleichzeitig werden ihre Facebook- und Twitter-Accounts abgefragt. Die Informationen der Freiwilligen werden den bundesweit 299 Wahlkampfleitern übermittelt. Diese Mitmach-Zentrale soll eng verzahnt werden mit Social Media – vielleicht ja auch mit der Option, koordiniert Begeisterungswellen und Shitstorms in den Netzwerken zu steuern.

Durch das »connect17«-Projekt kann die JU derweil zentral erkennen, wo noch Helfer fehlen. Dadurch soll der geplante Tür-zu-Tür-Wahlkampf vereinfacht werden.

Graswurzel 3.0

Mit demselben Rezept hat die SPD Nordrhein-Westfalen vor Jahren Peer Steinbrück zum Ministerpräsidenten machen wollen. Die Idee: ein Mitmach-Center. Es wurden auch 4000 Freiwillige gewonnen. Doch dann begannen die Probleme. Die Partei wusste ihr Freiwilligenheer nicht in ihre Strukturen zu integrieren. Vielleicht war es zu früh.

Beim anstehenden Bundestagswahlkampf berät der Online-Guru Jim Messina, der schon Obama und dem Briten David Cameron mit Unterstützung von Datenanalysen zum Sieg verholfen hatte, die Sozialdemokraten vor allem bei der Optimierung der Haustür-Kampagne. Sie arbeiten laut Tobias Nehren, Leiter der Digitalkampagne, »seit 2015 intensiv daran, den modernsten Wahlkampf zu organisieren, den die SPD je gemacht hat«.

Von den Methoden von Cambridge Analytics hält Nehren wenig. Solche Targetingansätze seien in Deutschland glücklicherweise nicht durchführbar. »Das erlaubt weder die Datengrundlage noch der Datenschutz.« Das Gesetz verbietet den Handel mit personenbezogenen Daten ohne Einwilligung der Betroffenen. Diese Hürde führt in Deutschland dazu, dass vor jeder Online-Kampagne Wahlhelfer von Tür zu Tür marschieren müssten, um Daten zu erheben und um zu erfahren – wie es bei der Graswurzel- Kampagne (»SPD von Tür zu Tür«) praktiziert wurde –, was die Leute von der Politik erwarten. So sagt ein ehemaliger Berater der SPD, dass man 2013 ziemlich genau gewusst habe, wo potenzielle SPD-Wähler wohnten, die geneigt waren zu Hause zu bleiben.

Solche datengetriebenen Techniken sind bei der CDU derzeit noch nicht spruchreif. Die Gesamtkampagne sei noch im Findungsprozess. Es soll aber auf jeden Fall eine »Potenzialanalyse« auf Basis verschiedener Datenquellen den Tür-zu-Tür-Kämpfern helfen, ihr Vorgehen genauer zu planen. Welche Datenquellen das genau sein werden, lässt Clemens noch offen.

Wie kann er nur?!

Hierzulande wurde Trumps Twitter-Gewitter vielfach als inkohärent wahrgenommen. Als das irre, gereizte, sexistische Lügengeschwätz eines Hochstaplers, der jeden Tag etwas anderes sagt. »Genau das war ein Vorteil«, sagt Tobias Preis. Diese chaotische Kommunikationsstrategie ermöglicht, einzelne Filterblasen anzusprechen. Eine Partei mit einer konsistenten Linie findet ihre Beschränkung darin, nicht allen nach dem Mund reden zu können, weil damit andere abgeschreckt würden, Stammwähler zumal. Was aber, wenn es technisch möglich ist, unterschiedliche Botschaften überproportional oft bei denen landen zu lassen, die sie am meisten hören wollen?

Die Antwort auf diese Frage wird durch die Kombination von sozialen Netzwerken, künstlicher Intelligenz und gezielter Werbung gegeben. Allerdings muss die mangelnde Verlässlichkeit dieses Konzepts durch eine übergeordnete Story, die Großerzählung eines Machtkampfs, aufgefangen sein. Trump hatte diese Erzählung, indem er als Außenseiter die Regeln änderte und den Wunsch verkörperte, dass nach achtjähriger Demokraten-Regentschaft etwas Neues beginnen müsse. Er machte es sich zum Prinzip, völlig inkohärent zu wirken und jeden Vergleich, sei es mit seinem früheren Leben als Immobilientycoon, sei es mit vormals geäußerten Behauptungen, unmöglich zu machen. Aus Sicht klassischer Medien, die politische Aussagen auf ihre Logik prüfen, war das schwer nachvollziehbar, aus der Perspektive einer dezentralisierten Mediengesellschaft ist es genial.

Dehalb von einem »postfaktischen Zeitalter« zu sprechen, führt in die Irre. Die Welt ist nicht mehr nicht an der Wahrheit interessiert, sondern hyperfaktisch geworden. Laut IBM sind 90 Prozent aller Daten, die jemals erzeugt wurden, in den letzten zwei Jahren entstanden. Nie zuvor gab es mehr Wissen im Netz, nie zuvor mehr verfügbare Informationsquellen, nie zuvor einfachere Möglichkeiten, an Informationen zu gelangen. Das Problem ist vielmehr der schiere Überfluss. Kein Mensch kann mit den Datenmengen umgehen. Filter sind daher die einzige Möglichkeit, die Überforderung des Netzes als Einzelner zu bewältigen. Es können nur noch Maschinen die Information sortieren.

Das Echo der Maschine

Es sind allerdings dieselben Maschinen, die für noch mehr Information sorgen. Die Trump-Offensive soll Schätzungen zufolge zu einem Drittel von sogenannten »Bots« getragen sein, also Computerprogrammen, die automatisch Posts absetzen, um entweder eigene Posts zu verstärken oder die der Gegenseite niederzuwalzen. Als künstliche Echokammern suggerieren sie ein Interesse an Themen, das es gar nicht gibt.

Dafür ist der Aufbau großer, aufeinander bezogener Bot-Netze nötig, deren Knotenpunkte sich als reale Personen ausgeben und mühsam erstellte Fake-Identitäten besitzen. Die simulieren, verschiedene Personen an verschiedenen Orten zu sein. In Deutschland haben sich die Parteien darauf verständigt, solche Streubomben des Informationszeitalters nicht einzusetzen. Doch eine Regelung wird es nach Angaben von Insidern nicht geben. Und wie eine Partei reagieren soll, wenn Bots in ihrem Namen ins Netzwerk eingeschleust werden, treibt manchem Kommunikationsstrategen Schweißperlen auf die Stirn.

Hatte Jürgen Habermas 1962 noch gehofft, der Streit einer kritischen Publizität mit der zu manipulativen Zwecken bloß veranstalteten ist offen”, steht heute fest: Die Sache ist entschieden - zugunsten einer manipulativen Kommunikation, die wahrer ist, je aktiver sie erscheint, und dadurch plebiszitäre Legitimität vorgaukelt.

In einem solchen System geht Macht aus der Fähigkeit hervor, die Ströme der Information und Begehrlichkeiten Einzelner zu kanalisieren. Und nicht, wie früher, ein Programm, eine Ideologie für alle zu schaffen. »In den Niederlanden geht Geert Wilders schon kaum noch zu Talkshows«, sagt Job Janssen, der 2013 für die Sozialdemokraten erste vorsichtige Gehversuche im datengetriebenen Wahlkampf unternommen hat. »Wilders twittert konstant.« Die AfD habe in Deutschland noch nicht ganz die kritische Masse, die dafür nötig wäre. Aber es könnte bald so weit sein.

Janssen glaubt überdies, dass Lügen den Populisten nicht so krumm genommen werden von ihren Followern. Denn die fühlten sich von allen Politikern als korrupter Elite belogen. Da gehörten die Unwahrheiten des eigenen Kandidaten bloß noch dazu.

»Lord of the lies«

Vernunft kann sich nicht selbst verteidigen. Deshalb reagieren Intellektuelle oft wie gelähmt auf Demagogen. Denn Lügen zu widerlegen bedeutet, auf die Überzeugungskraft von Fakten zu vertrauen, wie es sich seit der Abschaffung des Gottesurteils durch König Johann Ohneland 1215 mit der Magna Carta durchgesetzt hat. Doch Fakten sind nichts, das zu einem kommt. Man muss wissen, wo man sie findet. So hat die abendländische Aufklärung eine Kultur der Beweisführung etabliert, in der es wichtiger ist zu wissen, wo sich die Antwort auf eine Frage befindet als die Antwort selbst.

Mit dem Internet bricht diese Entwicklung ab, Fakten werden durch Daten ersetzt. Wahrheit wird zu einem Kondensat von Daten, die eine Sache beglaubigen, je mehr Daten sich auf sie beziehen. Die Historikerin Jill Lepore schließt daraus, dass nichts so unklar sei im 21. Jahrhundert wie die Frage, ob Menschen das, was sie wissen, durch Glaube oder durch Kenntnis der Fakten erworben haben, oder ob noch irgendetwas behauptet werden könne, das tatsächlich bewiesen sei.

Das illustrierte auf erschreckende Weise gerade der Fall des 28-jährigen Edgar M. Welch. Ein Gerücht ließ ihn in sein Auto steigen und sechs Stunden von seiner Heimatstadt Salisbury (North Carolina) nach Washington DC fahren. Der Familienvater hatte eine AR-15-Maschinenpistole dabei und steuerte das Pizza- Restaurant »Comet Ping Pong« an. Denn da war eine Sache, die ihn umtrieb. Als er das »Comet« betrat, feuerte er in die Wände und auf einen Desktop. Die Gäste flohen ins Freie, während er das Lokal nach versteckten Räumen durchsuchte. Er habe, gab Welch später an, einen Ort für Sexsklavinnen ausheben wollen, denn darüber habe er im Internet gelesen. Er sei gekommen, »um sie zu retten«. Welch ließ sich ohne Gegenwehr festnehmen, nachdem er keinen Hinweis fand. Niemand wurde verletzt. Doch zeigt die Episode, welche Wirkung im Netz verbreitete Unwahrheiten entfalten, wenn sie politisch instrumentalisiert werden. Welch war angesprungen auf Artikel, die von Trumps Unterstützer-Netzwerk verbreitet worden waren.

Es ging um eine krude Verschwörungstheorie, nach der die Clintons und weitere Regierungsmitglieder in einen internationalen Pädophilen-Ring eingebunden seien. Diese frei erfundene Nachricht, die aus nicht mehr als einer Überschrift bestand und sich auf angebliche Untersuchungen der New Yorker Polizei bezog, fand ihren Weg über mehrere republikanische News-Plattformen auf ein Level, das es zur »Pizzagate«-Kampagne machte.

Obwohl die Vorwürfe bald von seriösen Medien wie «New York Times”, «Washington Post” und eine Faktencheck-Website wie Snopes widerlegt wurden, verloren sie nicht an Kraft. Im Gegenteil. Die sozialen Netzwerke wurden »geflutet« mit weiteren irrlichternden Details.

»Eine ziemlich verrückte Idee«

Nach einer Untersuchung des US-Medienportals »Buzzfeed« ging die Meinungshoheit in der Schlussphase des Trump-Wahlkamps von den marktführenden Medien auf Guerilla-Websites über, die zum Teil erst ein halbes Jahr zuvor regsitriert worden waren. Besonders erfolgreich war das Webportal »Ending the Fed« (ETF). Erst seit März 2016 registriert, war die Website für vier der erfolgreichsten zehn Lügengeschichten verantwortlich und konnte es, was seine Klickrate bei Facebook anging, binnen kürzester Zeit mit den beiden renommiertesten US-Zeitungen »Times« und »Post« aufnehmen. Wer diese Seite betreibt, ist nicht erkennbar. So erhielten die 20 größten Fake-Stories in den letzten drei Monaten mehr Aufmerksamkeit im Netz als die 20 beliebtesten Artikel von 19 führenden US-Medien. Obwohl dieser Vergleich nicht ganz sauber ist und die Medienmacht von Zeitungen wie der »Wahington Post« auf ihre Onlinepräsenz verengt, ist der Trend signifikant. Die etablierten Medien verloren sukzessive an Reichweite, während die Zirkulation von Falschbehauptungen ab August explodierte.

In einer weiteren Datenanalyse fand »Buzzfeed« heraus, dass sich Trumps Botschaften fast immer auf dieselben Quellen bezogen, seriöse Medien zählten nicht dazu. Stattdessen griff er Twitter-Gerüchte auf oder gab wieder, was auf der Agitationsplattform »Breitbart« verkündet wurde. Auf diese Weise steigerte Trump den Markenwert des Unternehmens, das seinem engsten Berater Steve Bannon gehört.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hält es für »eine ziemlich verrückte Idee«, dass sein Netzwerk den Wahlkampf beeinflusst haben könnte. Tatsächlich lebt ein Facebook-Nutzer nicht in einer Blase, sondern in mehreren. Und die haben Schnittmengen zu mehreren anderen Blasen. »Sozialer Schaum« nennt das übrigens Peter Sloterdijk in seinem praktisch ungelesenen »Sphären«-Werk. Durch die Schnittmengen sickert der Fluss politischer Botschaften als Rinnsale in den eigenen Meinungsteich. Diese sozial gesteuerte Einengung ist kein Unfall von Facbook, sondern sein Funktionsprinzip. Mittlweile suchen sowohl Twitter als auch Facebook nach Möglichkeiten, Falschmeldungen zu kennzeichnen.

Es gibt bereits erste Studien, nach denen sich Fake-News schneller verbreiten als wahre Nachrichten. Likes sind kein Wahrheitsbegriff, aber sie haben einen beständig steigenden Wert. Was, wenn die Unwahrheit mehr wert ist als die Wahrheit? Vernunft kann sich nicht selbst verteidigen.